Gerade hast Du das Spiel zum 4:5 im dritten Satz durch eine unglückliche Schiedsrichterentscheidung verloren, obwohl Du drei Break-Chancen hattest. Beim Seitenwechsel geht Dir dies alles durch den Kopf. „Jetzt musst Du Deinen Aufschlag halten, sonst ist das Match vorbei. Oh je, ich muss ja wieder gegen die Sonne aufschlagen, da habe ich vorher schon zwei Doppelfehler gemacht.“

 

Wer kennt sie nicht, solche Selbstgespräche in Situationen, die im Turniertennis gang und gäbe sind. Stress würde man neudeutsch sagen. Und Tennis ist ein Spiel, das ohne Stress überhaupt nicht denkbar ist. Denn Faktoren, die ihn erzeugen, gibt es genug. Wind, Schiedsrichterentscheidungen, Zuschauerreaktionen aber auch ein hoher Rückstand oder, im Gegenteil, eine unerwartete Führung, um nur einige zu nennen, können Stressfaktoren sein.

Meistens jedoch ist der Stress in knappen Spielen am größten. Dann beginnt die vielbeschriebene mentale Stärke eine entscheidende Rolle zu spielen. Vor allem in engen Matches müsst Ihr also dem Druck standhalten. Hier entstehen auch die Konflikte. Ein Doppelfehler oder eine Fehlentscheidung bei einer 5:1-Führung werden Euch wahrscheinlich weitaus weniger aus der Fassung bringen als bei einem Spielstand von 5:5. Entscheidend ist, dass Ihr nach einer solchen Situation diese kleine, an einen Ball gebundene Krise nicht in den nächsten Ballwechsel mit hineinnehmt. Ihr dürft nicht daran denken, was gewesen wäre, wenn Ihr diesen Ball verwandelt hättet. Oder was sein wird, wenn Ihr Euren Aufschlag jetzt nicht durchbringt. Nur die Gegenwart zählt, das „Hier und Jetzt“. Derjenige Spieler, der diese psychische Voraussetzung mitbringt und dem Stress gewachsen ist, wird es schaffen, knappe Spiele zu gewinnen und drohende Niederlagen abzuwenden.

Die bisherigen Erläuterungen werden Euch wahrscheinlich verständlich und logisch erscheinen. Doch das Verstehen dieser Vorgänge ist nur der erste Schritt auf dem Weg zu einer besseren Psyche. Der Umgang mit solchen Konflikten in der täglichen Trainingspraxis ist es, der einen gefühlsmäßig festigt.

 

Druck suchen

Der bekannte Tennispsychologe Jim Loehr vergleicht die Psyche und die Gefühle mit den Muskeln eines Körpers. Genauso wie die Muskeln trainiert werden müssen, damit sie stark und ausdauernd werden, müssen auch die Psyche und der Wille trainiert werden, um stärker zu werden. Deshalb dürft Ihr dem Druck nicht aus dem Weg gehen, dürft solche Krisen nicht umgehen. Ihr müsst den Konflikt und die Auseinandersetzung suchen, um brenzlige Situationen zu beherrschen und Euer Selbstvertrauen zu verbessern. Der leider viel zu früh verstorbene Boris Breskvar, der frühere Coach von Boris Becker, Steffi Graf und Anke Huber, war immer ein Trainer, der starken Willen, Konzentration und Selbstvertrauen als Grundpfeiler späterer Spitzenleistungen sah. Deshalb baute er in sein Training immer wieder Situationen ein, die seine Schüler benachteiligten und provozierten, damit eine Konfliktsituation entstand. Ein Match, das gerade in der entscheidenden Phase ist, zu Ende zu spielen, während sich die nachfolgende Trainingsgruppe bereits auf dem Platz warm macht und dadurch eine entsprechende Unruhe herrscht, ist ein möglicher „konstruierter“ Stressfaktor. Die meisten Spieler verlieren wahrscheinlich völlig ihre Konzentration und schieben den Grund für verschlagene Bälle auf die fehlende Ruhe. Diejenigen Spieler, die mit dem Krach fertig werden und sich nicht ablenken lassen, werden sich auch dann durchsetzen, wenn die Luft dünner wird.

Es gibt noch eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten, künstliche Problemsituationen im Training zu schaffen.

  1. Sätze mit nur einem Aufschlag spielen. Hier ist der Druck, einen Doppelfehler zu produzieren und den Punkt gleich zu verlieren, natürlich groß
  2. Aufschlagspiele mit 0:30 oder 0:15 beginnen. Hier droht bei schlechter Konzentration ein Aufschlagverlust
  3. Endphasen von Matches simulieren. Das heißt, bei 4:4 einen Satz beginnen oder Tie-Breaks spielen. Dort werden nämlich die Spiele entschieden
  4. Nicht-Wiederholbarkeit trainieren. Dies könnt Ihr machen, indem Ihr bei Spielen bis zu einer gewissen Punktzahl (zum Beispiel 11er-Spiel) bei 11:11 einen „big point“ entscheiden lasst. In diesem Fall haben beide Spieler Matchball, was sehr reizvoll ist, aber natürlich auch reizt, die Nerven zu verlieren
  5. Mit Prognosendruck arbeiten. Die Spieler müssen, bevor sie einen Satz spielen, öffentlich, das heißt vor den anderen Spielern verkünden, wie sie denken, dass dieser Satz ausgeht. Wenn der eine ein 6:3 für sich, der andere jedoch einen 6:4-Sieg prognostiziert, dann ist dies eine interessante Konstellation, die das Nervenkostüm natürlich zusätzlich belastet.

 

Ihr müsst also lernen, diesen Druck als eine Herausforderung zu sehen. Eine Herausforderung, der Ihr Euch stellen sollt. Wenn Ihr Euch nicht versteckt, werdet Ihr lernen, mit diesem Stress fertig zu werden. Und nur dann macht Leistungstennis wirklich Spaß. Nehmt Tennis wie ein „Mensch ärgere Dich nicht-Spiel“. Wenn Euch keiner neckt, jagt oder rauswirft, macht die ganze Sache keine Laune.

 

Euer @Jürgen Müller

 

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